Gustave Courbet, Wege im Exil.

Die Liebhaber des Werks von Gustave Courbet werden begeistert sein zu erfahren, dass einige der auf der Internationalen Buchmesse gezeigten Werke aus Privatsammlungen stammen und bisher noch nie in der Schweiz ausgestellt wurden. Nachstehend einige Schlüsselbegriffe zum besseren Verständnis dieser Ausstellung, die man auf keinen Fall versäumen sollte.

Kontext. März-Mai 1871: Pariser Kommune. Die Pariser lehnten sich gegen die neue Regierung auf. Die Siegessäule auf dem Place Vendôme wurde als Symbol kaiserlichen Despotismus angesehen und umgestürzt. Gustave Courbet wurde als gewählter Stadtrat aufgrund seiner aktiven Teilnahme an diesem Aufstand für ihre Zerstörung verantwortlich gemacht. Im Juni wurde er verhaftet und zu sechs Monaten Gefängnis und 500 Francs Geldstrafe verurteilt. Er stand vor dem Ruin, denn sein Vermögen wurde eingezogen und seine Bilder konfisziert. Nach seiner Freilassung floh er in die Schweiz. Zwei Jahre später ließ Marschall Mac-Mahon, der neue Präsident der Republik, die Säule auf Kosten des Künstlers (in exorbitanter Höhe) wieder errichten. Courbet sollte 33 Jahre lang jährlich 10.000 Francs zahlen, starb aber am 31. Dezember 1877, bevor er die erste Rate gezahlt hatte.

Exil. Zwischenzeitlich produzierte der Maler als Vorreiter der Strömung des Realismus (einer künstlerischen Bewegung, die sich als Verfechter einer Kunst ohne Künstlichkeit oder Idealisierung sieht) zahlreiche Werke, um die geforderte Summe aufzubringen. Während seiner letzten fünf Lebensjahre, ja bis zu seinem letzten Tag wird der Genfer See in ihm die Verehrung und Bewunderung dieser Natur nähren, die nichts weniger als sein einziger Horizont ist. Denn von der Terrasse seines Hauses Bon-Port im Hafen von La Tour-de-Peilz ruft dieser See in ihm die Erinnerung an die unermessliche Weite des Ozeans hervor, die er 1841 im Alter von 22 Jahren auf einer Reise in die Normandie entdeckt und so bewundert hat: "Das Meer, das Meer ohne Horizont… Man fühlt sich fortgerissen, man möchte aufbrechen, die ganze Welt zu sehen" wird er seinen Eltern in seinem Wunsch, den gesamten Reichtum der Natur zu entdecken und zu erleben, schreiben. Er wird mehrmals dorthin zurückkehren, jedes Mal voller Begeisterung.

Das Werk. "Ich möchte sagen (…) dass es sich bei der Malerei um eine im Wesentlichen konkrete Kunst handelt, die nur auf der Darstellung realer und existierender Dinge bestehen kann. (…) Abstrakte, unsichtbare oder nicht existierende Objekte sollten keinen Einlass in die Malerei finden. Die Vorstellungskraft in der Kunst besteht darin, es zu verstehen, einen möglichst vollständigen Ausdruck eines existierenden Gegenstands zu finden, aber niemals darin, diesen Gegenstand zu vermuten oder gar zu erschaffen." Getreu seiner Auffassung von der Malerei schafft er Gemälde wie Le Rétameur/Der Kesselflicker (1842), und leitet damit vor seinen Casseurs de pierre/Die Steinklopfer (1849) seine Ikonographie des armen Schluckers ein. Im Jahre 1851 malt Courbet sein Meisterwerk:Les Demoiselles d'Ornans et la mendiante/Die jungen Frauen von Ornans und die Bettlerin oder Les Demoiselles de village/Die jungen Frauen aus der Stadt.Später malt er mit La Loue à Scey-en-Varais/Die Loue in Scey-en-Varais  (1860-65) die Landschaft, die er kennt (den Fluss Doubs), mit einer Natur, in der Hirsche leben (den Wasserfall Le Saut de la Brême, einen Hirsch oder eine Hirschkuh mit ihrem Kitz, nach 1864) und die er mal geheimnisvoll (Le chemin creux aux rochers/Hohlweg mit Felsen, etwa 1864) oder mal poetisch darstellt (La source de la Loue/Die Quelle der Loue, nach 1864). Er mildert die Gewalt einer Jagdszene durch warme Farben (Biche et chasseur dans un paysage/Hirschkuh und Jäger in einer Landschaft, etwa 1869/72) und bringt seine Lebensfreude nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis zum Ausdruck (Paysage du Jura/Jura-Landschaft, 1872). Das im Folgejahr entstandene Bild Les amoureux dans la campagne/Die Liebenden auf dem Land erzählt von seiner Jugendliebe. Schließlich scheint es nach seiner Ankunft in der Schweiz, dass der Künstler sich mehr und mehr mit der Realität abfinden wird, und einige seiner Bilder werden rein der Fantasie entspringen (La cascade/Der Wasserfall oder Paysage du Valais/Landschaft im Wallis, 1873).

 

Marine en Normandie
Paysage marin, environs de Trouville, vers 1869